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Ein Minimalist in der Kastanienallee.

Die Nacht war grauenhaft. Woher stammt das Wort grauenhaft? Das Grauen, es haftet an mir, es haftet an dir, womöglich haftet es an all den Menschen. Der Schlaf war kurz, ich habe wieder unerträglichen Nachtschweiß. Monatelang war Ruhe, doch jetzt das. Mehrmals wache ich auf, stehe auf, ziehe mich um, Wasser in das Gesicht, Wasser läuft mir über die Handgelenke, ich stütze mich auf mein Waschbecken, es ist ein Uhr, es ist zwei Uhr, es ist drei Uhr, es ist vier Uhr, es wird hell. Ich liege im Bett & habe einfach nur Angst. Ich habe Angst vor den Vögeln, sie ziehen in Richtung Süden, der Herbst ist nah, ich spüre ihn in jeder Pore. Also liege ich im Bett, um fünf Uhr in der früh, nassgeschwitzt, mit weit aufgerissenen müden Augen, höre mein Herz schlagen, fühle es in der Brust. Nichts als stille im Raum, das Herz, die dumpfen schreie der Vögel die durch mein Fenster dringen. So liege ich einige Stunden in diesem Raum. Meine Wohnung ist versifft, das Geschirr stapelt sich. Ich habe eine Technik entwickelt wie man all das stinkige Zeug übereinander legt, ohne dass etwas herunterfällt. Es ist ein bisschen wie Tetris, nur mit stinkendem Geschirr. Manchmal werfe ich die Teller weg, sobald sie schimmeln. Dann ekel ich mich vor mir, meinen Dingen und meiner Art mit meinem Eigentum umzugehen. Ich habe es diesen Sommer einmal eingefroren, als die Maden darauf waren. Danach kam es in den Müll. So haben sich meine Küchenutensilien bis auf ein Minimum reduziert & wenn mich mein Besuch fragt wieso ich nur zwei Messer, zwei Gabeln & einen Löffel habe, dann lächle ich immerzu & sage -ICH BIN EBEN MINIMALIST- ich brauche nicht viel und komme mit wenig zurecht. Heute morgen klingelte das Telefon, meine Mutter rief mich an. Gestern hatte sie einen harten Arbeitstag & meine trübe Stimmung am Abend schlug ihr auf den Magen & sie wimmelte mich sogleich ab. Dafür nahm sie sich am morgen alle Zeit um mir zu sagen was ich für ein armer kleiner Mensch bin. Sie weinte, sie sagte sie wolle mir helfen, ich solle mir Hilfe suchen, es hört sonst nicht auf, es wird niemals gut, alles ist schrecklich, dann dieser Name -Mausebär- Scheiße verdammte, ich brauche kein Mitleid. Die Wut dass es meiner Mutter wegen mir schlecht ging überwog & der Zorn in mir, über mich ging ins unermessliche. Die Kleidung klebte an meinem Körper, ich war noch mit kaltem Angstschweiß der Nacht bedeckt & kramte unter meinen Papierbergen nach meinen Zigaretten, die weinende Mutter am Telefon. Ich roch wie ein Aschenbecher. Nein Mama, ich rauche nicht mehr. Lügen. Ekel. Dreck. Müll. Seelenmüll. Teer. Nacht. Es ist kalt und ich mache mir einen Tee. Mein Wasserkocher steht in meinem Waschbecken, ich sehe in den Spiegel & überlege ob ich die Kraft habe mich zu waschen. Ich gieße den Tee auf und rauche noch eine Zigarette, ich rauche noch eine Zigarette und ich rauche noch eine Zigarette. Seelisch und moralisch war ich nun auf das Pflegen meines Körpers eingestellt. Warum kostet das heute so viel Kraft? Jetzt stehe ich vor dem Kleiderschrank. Alles ist voller Kleidung, nach Farben sortiert. So viel teure Kleidung für einen so kleinen Menschen? Ich drehe mich um, auf dem Boden liegt meine Kleidung von gestern, meine Kleidung von vorgestern, meine Kleidung von vorvorgestern. Ich ziehe mich an und überlege mir dreimal ob ich mir die Haare kämme. Setze mich nicht, sondern stehe weil ich sonst wieder nicht hoch komme... Trockenshampoo, danke für diese Erfindung. Schminke ins Gesicht und raus aus der Tür. Ich kneife meine Augen zu, es ist so grell. Ich sage dazu immer Krebswetter. Es fühlt sich an als würde es krank machen. Es scheint keine Sonne, doch dieses grelle leuchten brennt in den Augäpfeln. Die Nachbarn grüßen mich, nicken, lächeln, Fassade, Fassade, lächeln, gut gemacht, du bist ein großes Mädchen. Ich ziehe um den Block, laufe Richtung Park. Die Männer gucken, sie lächeln mich an. Ich habe immer das Gefühl meinen Eisprung zu haben wenn mich Männer anlächeln wenn ich (wie am heutigen Tage) aussehe als wäre ich gerade aus dem Wald gekommen & trotzdem deren Beachtung bekomme. Genug Kraft hat es gekostet das Haar zu bürsten, für andere Dinge hatte ich wahrlich keine Kraft mehr. Ich werde von Menschen gegrüßt die ich nicht kenne, ich werde so oft von ihnen angesprochen, doch manchmal kann ich mich nicht an sie erinnern. Das tut mir dann immer leid, weil diese Menschen so langweilig sind, dass ich sie gleich vergesse & nicht wieder erkenne, manche wenige sind dann verletzt. Doch sie erkennen mich & sind hocherfreut wenn sie mich sehen, sie strahlen, winken & rufen. Ich lächle dann zurück & währenddessen sie auf mich zulaufen habe ich immer nur diese eine Frage in meinem Kopf -Wer ist das, erinnere dich? In 9 on 10 Fällen fällt es nicht weiter auf, dass ich diese Menschen nicht mehr wiedererkenne. Sie sind eben wie sie sind, mit wenig zufrieden. Ein ehrliches Lächeln scheint so wertvoll für diese Menschen. Sie lachen & strahlen wenn sie mit mir sprechen, das ist schön & es freut mich. vielleicht kann ich sie nicht heilen & auf die Dauer gücklich machen, aber ich kann ihnen ein Lächeln schenken an das sie sich an kalten Tagen wärmen können. Wir sind im Park, ich sehe eine Freundin, doch traue ich mich nicht zu ihr zu gehen. Ein Bekannter ist mit an ihrer Seite & sie wirken so verbunden, da möchte ich nicht stören. Also gehen wir andere Wegen, wir laufen weiter & treffen einen Freund der Gefährtin. Sein Besitzer ist natürlich auch da. Ich hab ihn gern, er heißt Marc und ist mitte 40, doch ist er eigentlich eher wie ein Kind. Es ist als ob er im Kindesalter stehengeblieben ist. Er kann seriös sein, er ist intelligent, er beobachtet die Menschen, er urteilt schnell, er will verstehen, will begreifen warum Menschen so sind wie sie sind. Er ist kein Gefühlsmensch, sein Gehirn ist viel mehr dazu da um ohne Pause zu ticken, zu analysieren, weil ihm soziale Kompetenz fehlt. Er mag wenige Menschen auf dieser Welt, am meisten mag er seinen Hund. Wir lachen viel, er hat einen makaberen Humor & ich mag das, ich schätze viel an ihm & ich bin mir unsicher ob er das weiß. Er gehört zu diesen einzigartigen Schneeflockenmenschen die es nicht an jeder Ecke gibt. Wir sind verbunden, es nicht nicht so, dass er der einzige Mensch auf Erden ist mit dem ich sprechen kann ohne Worte zu verwenden, doch ich bin die einzige mit der er diese Bindung hat. Ich weiß das, weil die Menschen nicht verstehen wie er denkt. Sie wollen es nicht verstehen, können es nicht, oder es interessiert sie nicht. Es passierte einige male das ich Bilder sah, Bilder aus seinem Kopf die plötzlich vor meine Auge herumgeisterten. Ich sagte es ihm jedes mal, du denkst gerade.... du dachtest an.... ich habe gesehen dass... du würdest jetzt gerne... Ich bin ehrlich zu ihn & seine weit aufgerissenen Augen verraten mir, dass ich recht habe in dem was ich sehe. Doch mittlerweile sage ich es ihm nicht mehr. Wir sehen uns seltener als vor geraumer Zeit. So brauchte ich Abstand, man kann sich denken dass er kein einfacher Geselle ist wenn ich ihn gern habe & auf Dauer ist er genauso anstrengend wie ich es bin. Wir haben heute viel gelacht. Ich bin ihm dankbar dafür. Die Menschen im Park erzählen Geschichten, reden hinter seinem Rücken, ich verteidige ihn jedes mal aufs neue. Nehme ihn in Schutz, obwohl ich mich genau an die bösen Worte erinnern kann die er über sie sagte. Ich kann ihn verstehen und er kann mich verstehen. Nein, er versucht mich zu verstehen. Er engt mich nicht ein, bei ihm kann ich sein wer ich bin & das fühlt sich gut an. Es ist schön, jetzt wo ich es schreibe muss ich lächeln. Solche Schneeflocken sind kostbar, sehr kostbar... Auf dem nach Hause weg sammelten wir Kastanien, ich werde mich gleich daran auslassen. Nennen wir es eine Art Beschäftigungstherapie. Ich telefonierte mit meinem vater, er kommt morgen. Ich habe ihn ewig nicht gesehen & freue mich sehr auf ihn. Ich werde für ihn kochen, danach gehen wir spazieren. Warum kommen mir jetzt die Tränen? Sie laufen mir über die Wangen. Automatisches Schreiben scheint irgendetwas auszulösen. Als Kind liebte ich den Herbst, ich sammelte immerzu mit meinem vater Kastanien... Wahrscheinlich kamen gerade Bilder die ich erst sah als mein Körper reagierte, schon ver rückt das ganze, nicht wahr? Ich wünschte mir die letzten Jahre so oft mit meinem vater im Herbstwind zu gehen, die Blätter fallen zu sehen, er nimmt meine Hand, so wie früher und ich darf wieder für einen Tag sein kleines Mädchen sein. Es fühlt sich falsch an, aber ich will es trotzdem. Morgen werde ich sein kleines Mädchen sein. Das Telefon klingelte während dieses Eintrags zweimal, meine Mutter, die wissen wollte ob ich jemanden in der Klapse erreicht habe (Ja, ich lasse mich einweisen) und ein Anruf des Assistenten meines plastischen Chirurgen, er kann mir diese Woche endlich einen Termin für Januar geben. Es wird wieder Zeit an mir herum schneiden zu lassen. Perfektion über Perfektion. Ein Körper ist einfach nur formbares Fleisch, das vergeht und irgendwann mit der Zeit verwest. Noch 5 Minuten schreiben... Meine Tränen sind getrocknet, ich fasse gerade in die Tasche mit den Kastanien, sie fühlen sich so schön an & erinnern an Kindertage. Ich lief immer mit meinem vater auf einem Psychiatriegelände spazieren, Kastanienbäume überall, huderte Meter. Es war so schön... Jahre später war ich selbst in dieser Unterkunft. Nicht als Gast, sondern als Patient, so kann es gehen, so kann es kommen. Ist das heute ein scheiß Eintrag? Ich haue einfach in die Tasten ohne zu denken & hoffe dass ich so ein wenig von meinem Chaos im Kopf ordnen kann. Danke liebes Tagebuch, dass du dir diesen scheiß Müll anhörst. Punkt.
23.9.14 03:43
 


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